»Wir haben nicht geglaubt, dass wir noch Menschen sind.« KZ-Gedenkstätte Flossenbürg
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Wie wollen wir in Zukunft mit dem Erbe der früheren Häftlinge umgehen? Wie werden wir dabei jenen gerecht, die uns ihre Erzählungen hinterlassen haben? Wie lässt sich eine Geschichte erzählen, die sich mit normalen Worten kaum ausdrücken lässt?

Unter dieser Fragestellung hat sich die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg der Überarbeitung ihres Filmraumes in der bestehenden Dauerausstellung gewidmet.

Für unser Konzept haben wir uns dafür entschieden auf die Bildaufnahmen der Zeitzeug*innen zu verzichten: wir hörten die eindringlichen Geschichten, die die Überlebenden des Konzentrationslagers Flossenbürg erzählten, spürten die starken Emotionen, die auch Jahrzehnte nach dem Erlebten und Erlittenen die Stimmen färbten – und sahen Videoaufnahmen der Interviews, deren Bilder so gar nicht dazu passen wollten. Die Formate, Farben und Details der Videobilder lenkten vom emotionalen Kern der Berichte ab.

Die Stimmen und Berichte der Überlebenden sind das alleinige Exponat – ihnen trauen wir zu, die gesamte Installation zu tragen.

Als Ausstellungsgestalter*innen wollen wir ein visuelles und räumliches Erlebnis schaffen, das einen einfühlsamen Zugang zu den Erzählungen unterstützt und sie gleichzeitig für die Besucher*innen zugänglich macht. Deshalb fügten wir eine neue Bildwelt hinzu, die die Erzählungen kontextualisiert und erweitert. Dabei lag die Herausforderung darin, die »richtigen« Bilder als Erweiterung der Erzählung zu finden. Wenn wir jedoch darauf verzichten, das Gesagte darzustellen, und nicht zurückgreifen wollen auf bekannte Motive aus den Geschichtsbüchern – Was machen wir dann sichtbar?

Die neuen Bildwelten von Jan Koester versuchen, zu dem Kern der Berichte vorzudringen: Welche Emotionen und Erfahrungen möchten die Zeitzeug*innen an uns als Zuhörer*innen weitergeben, obwohl das Erlebte kaum in Worte zu fassen ist? Diese Empfindungen herauszuarbeiten, nachzuempfinden und bildlich darzustellen war die größte Herausforderung des Projekts. Ebenso zentral ist die Tongestaltung von Irma Heinig: Sie ist nicht nur eine Begleitung der Bilder, sondern eine eigenständige, gleichwertige Komponente im Dreiklang aus Erzählung, Bild und Ton. Die sorgfältig komponierten Klänge vermitteln die emotionale Intensität der Berichte und machen die fremdsprachigen Passagen der Texte für die Besucher*innen sinnlich erfahrbar.

Die neu geschaffene Bild- und Klangwelt soll zeitlos und menschlich wirken. Dafür setzen wir auf Malerei, die mit Pinselstrichen, organischen Flächen und Texturen arbeitet, sowie auf Klänge, die ihren Ursprung im Alltäglichen haben. Beide Medien – Bild und Ton – ergänzen sich, um eine sinnliche Annäherung an die Erzählungen zu ermöglichen.

Wir haben einen qualitätsvollen Aufenthaltsraum geschaffen, in dem die Besucher*innen die Installation gemeinschaftlich erleben können. Der offen gestaltete Raum lädt mit einer zentralen Sitzmöglichkeit zum Verweilen ein, während Material und Farbigkeit sich optisch zurücknehmen und so ein angenehmes Raumklima erzeugen. Die großen, sich überlagernden Textilbahnen spielen mit Transparenz und Dichte und schaffen eine Einheit mit den visuellen und klanglichen Texturen. Ihre fragmentarische Erscheinung unterstreicht den Charakter der Erzählung, die aus vielen Einzelberichten der Zeitzeug*innen zusammengesetzt ist.